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Alois SchwarzmüllerBeiträge zur Geschichte des Marktes Garmisch-Partenkirchen im 20. Jahrhundert |
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Georg Schütte - Mensch, Demokrat, Bürgermeister
5. Neuanfang 1945 - Schütte wird kommissarischer Bürgermeister Im Rathaussaal wurden am 8. Mai 1945 der neue Bürgermeister und der neugebildete Gemeinderat von Garmisch-Partenkirchen durch Landrat Dr. Fux - nur kurz im Amt, dann von der US-Militärregierung entlassen - im Beisein des militärischen Kommandanten des Ortes, US-Major Herbert L. Snapp in ihre Ämter eingesetzt. Landrat Dr. Fux erklärte in seiner Ansprache: „Wir stehen vor einem Trümmerhaufen, den uns die alte Verwaltung hinterlassen hat. Aber unser Herrgott verlässt die Deutschen nicht und so wollen wir zusammenstehen und aus den Trümmern wiederaufbauen." Auch Dr. Fux hatte 1933 Hand angelegt zur Entstehung dieses "Trümmerhaufens". Jetzt sollte es plötzlich der Herrgott richten. Auf ausdrücklichen Wunsch von Major Snapp wurde keine Amtsperson, sondern ein Mann aus der Mitte der Bevölkerung als Bürgermeister bestimmt. Fux schlug mit Georg Schütte den vor, "der fähig und würdig ist, das Amt des ersten Bürgermeisters von Garmisch-Partenkirchen auszuüben.“ Ziel von Snapp war es, in Garmisch-Partenkirchen wieder "Ruhe und Ordnung" herzustellen.
Schüttes Programm war knapp, aber unmissverständlich: "Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit für heimatverbundene und weltoffene Menschen"
Bernhard Lödermann wurde von
Schütte zum 2. Bürgermeister ernannt und zusammen mit den neuen
Gemeinderatsmitgliedern durch Handschlag verpflichtet. Der Gemeinderat
setzte sich aus den folgenden Personen zusammen, von denen
je acht der Sozialdemokratischen Partei und acht der Bayerischen
Volkspartei angehörten, je acht hatten ihren Wohnsitz in Garmisch und acht
in Partenkirchen: Schütte Georg, Kaufmann, Ludwigstraße 21, 1. Bürgermeister (SPD), Lödermann Bernhard, Bäckermeister, Zugspitzstraße 1, 2. Bürgermeister (BVP), Bader Josef, Landwirt, Kreuzstraße 11 (BVP), Ebert Hans, Buchdruckerei-Faktor, Burgstraße 29a (SPD), Eitzenberger Josef, Baumeister, Dreitorspitzstraße 28 (BVP), Eursch Georg, Landwirt, Ludwigstraße 34 (BVP), Frischmann David, Hafnermeister, Jahnstraße 10 (SPD), Grasegger Anton, Landwirt und Zimmermann, Ballengasse 18 (SPD), Hartenstein Karl, Kaufmann, Bahnhofstraße 92-94 (BVP), Hellweger Georg, Landwirt, Römerstraße 4 (BVP), Höllerer Josef, Studiendirektor, Von-Brug-Straße 22 (SPD), Jemüller Georg, Bankbeamter, Höllentalstraße 29 (BVP), Maderspacher Alois, Hausbesitzer, Sonnenstraße 13 (SPD), Reiser Josef, Maurerpolier, Zugspitzstraße 123 (SPD), Roesen Dr. Karl, Rechtsanwalt, Hirschweg 10 (BVP), Schmid Jakob, Oberlokomotivführer, Kohlstattstraße 1 (SPD), Stanner Fritz, Hotelbesitzer, Maxstadtstraße (BVP).
Winterholler Isidor, Malermeister, Burgstraße 54 (SPD).
Noch am selben Tag veröffentlichte Schütte im „Garmisch-Partenkirchner Tagblatt“ einen „Aufruf“: „Nach Berufung durch die Militärregierung habe ich am 7. Mai 1945 die Amtsgeschäfte als 1. Bürgermeister für die Gemeinde Garmisch-Partenkirchen übernommen. Mein Entschluss hierzu erfolgte schweren Herzens. Aber im treuen Gedenken an unsere teuren Gefallenen habe ich mich dazu entschlossen, um durch ernste Arbeit diesen Opfern wenigstens noch einen Sinn zu geben; nämlich die Errichtung der politischen Freiheit. Es ist traurig, dass diese über den schweren Weg der Besatzung errungen werden muss. Sind wir aber allen Gott dankbar, dass wir nochmals zur Freiheit bestimmt sind. Liebe Bürgerinnen und Bürger, fasst mit mir mit allen Händen nach diesem höchsten Gut der Menschheit. Helft durch rege Arbeit, jeder auf seinem Posten, unseren Ort Garmisch-Partenkirchen wieder zu Ansehen zu bringen. Die Voraussetzungen sind dazu da. Wir sind wie durch ein Wunder von größeren Kriegsschäden verschont geblieben. Steht jetzt geschlossen hinter mir, bis wir auch den letzten Tyrannen bei uns unmöglich gemacht haben. Reißt unsere Jugend, das beste noch verbliebene Kapital für die Zukunft, zurück von dem Abgrund, an den sie fanatische, politische Eitelkeit geführt hat. Mein Ziel ist, unsere Gemeinde zu Frieden und Eintracht zu bringen, die besten Garanten für Freiheit und Wohlstand. Ich rufe alle Freunde, Gönner und Gutgesinnte auf, helft und folgt mir auf diesem Wege.“ Es war ein beschwörender Appell an seine Mitbürgerinnen und Mitbürger, wieder den Weg der Demokratie und des Friedens zu gehen. Zahlreiche Funktionäre der NSDAP und von ihnen eingesetzte Amtsträger hatten sich zunächst ihrer Verantwortung entzogen - nicht selten durch Flucht in die Berge.
Eine der ersten Verfügungen des Bürgermeisters vom 14. Mai 1945 galt der
Entfernung von NS-Zeichen und
Bildern: „Die Dienststellen
und Gemeindeanstalten sind daraufhin nochmals zu überprüfen, dass
Bilder, Hoheitszeichen, Aufschriften und sonstige Gegenstände, die mit
der Geschichte und dem Bestehen des 3. Reiches verknüpft waren, entfernt
und vernichtet werden.“
Bilder konnte man einfach abhängen, das große Hakenkreuz vor dem Eingangsportal mit dem Meißel abschlagen – aber was sollte man mit Menschen machen, die den Nationalsozialisten gläubig gedient hatten und jetzt immer häufiger denunziert wurden? Ein Beispiel: Ende Mai 1945 schrieb ein Handwerksmeister an Schütte und beschwerte sich über einen Mitarbeiter der Bauverwaltung als „eine in den weitesten Kreisen der Bevölkerung so verhasste Persönlichkeit, dass sein Verbleiben in der Stadtverwaltung keinen Tag länger geduldet werden dürfte.“ Oder ein Vereinsvorsitzender wurde beschuldigt, „die gesamten Veteranen u. Kriegervereine unseres Kreises an die Nazis ausgeliefert“ zu haben. Die Tonlage solcher Schreiben war nicht selten denunziatorisch und wenig hilfreich. Das mag auch der Grund dafür gewesen sein, dass Schütte die dringend notwendige Entnazifizierung ganz vorsichtig angehen wollte und vor verleumderischer Verdächtigung warnte.
6.
Kommunales Notprogramm für Garmisch-Partenkirchen Im Marktarchiv liegt ein umfangreiches
„Der Krieg ist zu Ende und hat uns ein schreckliches Vermächtnis hinterlassen. Wir stehen vor Trümmern, Hunger und Auflösung. Trotzdem dürfen wir es nicht unterlassen, mit letzter Energie und ganzer Kraft uns einzusetzen, die Schwierigkeiten beim richtigen Ende anzufassen: 1. Ernährung -
Die Ernährung im Ort ist total unzureichend und es muss daher mit
Sofortmaßnahmen begonnen werden. Tüchtige Geschäftsleute der
Lebensmittelbranche sollen beauftragt werden, Lebensmittel
herbeizuschaffen und einzukaufen, wo ihnen dies nur gelingt… 2.
Schlangenstehen
- Die langen Reihen der Versorgungsberechtigten vor den
Verteilungsstellen ist ein furchtbares Übel, das soweit möglich verkürzt
oder behoben werden muss…
3. Verteilung durch
das Ernährungsamt - Gewisse Anzeichen sind vorhanden, dass sich in
diesem Amte noch Beamte befinden, die strenge Mitglieder der Partei
waren und heute noch die selbe Gesinnung beibehalten 4. Milchablieferungspflicht - Es muss hier an dieser Stelle ganz besonders hingewiesen werden aus dem Grunde der Menschlichkeit, dieser Pflicht gewissenhaft nachzukommen... 5. Fremdarbeiter
- Die Fremdarbeiter sind für die Gemeinde Garmisch bestimmt eine
drückende Last. Es ist für die Gemeinde ganz dringlich, dass wir an den
Abtransport dieser Fremdarbeiter denken. 6. Wohnungen -
Durch den Abzug der Fremdarbeiter und Evakuierten werden Wohnungen,
Zimmer oder Baracken frei. All diese Räume sind sofort amtlich zu
erfassen. 7. Weitere Wohnungen
- Beamte und Angestellte, die von ihren Ämtern entlassen wurden und
Dienstwohnungen innehatten, haben dieselbe freizugeben… Die Bildung
eines Wohnungsamtes ist sehr dringlich. 8. Säuberungsaktionen
- Eine gründliche Aussortierung in allen Ämtern von unzuverlässigen
Beamten und Angestellten ist ohne Verzug zu bewerkstelligen 9. Organisation der
Hilfspolizei - Die Polizei, die nur als Hilfspolizei funktionieren
kann, muss sehr sachlich und vertrauensvoll geprüft werden. Ehemalige
freiwillige Anhänger der Nazi-Partei haben dort keine Anstellung zu
erwarten. 10.
Verkehrsangelegenheiten - Die Straßen und Wege sind nach Möglichkeit
wieder in Stand zu setzen… Die Führung der Straßenarbeiter muss
unbedingt einem kundigen Fachmann anvertraut werden. 11. Realbesitz der
Gemeinde - Eine Verlegung einiger weniger Fremdarbeiter in eine
Baracke macht das Mädchenschulhaus in Garmisch frei, so dass mit dessen
Instandsetzung für den Schulbeginn angefangen werden kann… 12. Prüfung über die
Nützlichkeit des Gemeindebesitzes - Verpachtungen irgendwelcher Art,
ob als Grundstück oder Geschäftsverpachtung oder als Mietshaus, können
nur durch den Gemeinderat vollzogen werden. 13.
Arbeitsamt
- Das
Arbeitsamt muss vom Gemeinderat als ganz wichtig betrachtet werden. In
erster Linie ist dort eine Auswechslung der Angestellten
unbedingt notwendig und kann nur im demokratischen Sinn weitergeführt
werden. 14. Ortskrankenkasse
- Die Allgemeine Ortskrankenkasse liegt im Interessenbereich der
örtlichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und ist dort eine Säuberung
vorzunehmen. 15. Gemeindebauamt
- Es ist auch dieses Amt von Personen, die dieser Untergangspartei
angehörten, restlos freizumachen. 16. Schulfrage -
Die Schulen sind baldmöglichst zu öffnen… Die Lehrkräfte dürfen nur aus
einwandfreien, politisch nicht unzuverlässigen Personen bestehen. 17. Religion -
Die Religionsausübung ist frei und darf nicht gestört werden. Dieselbe
erhält unseren Schutz, sofern dort keine Politik getrieben wird.“
Schütte hat diese Aufgaben Punkt für Punkt angepackt, Lösungen gesucht
und gefunden – zusammen mit dem Zweiten Bürgermeister und dem Gemeinderatsgremium.
7. Die SPD in
Garmisch-Partenkirchen nach dem Zweiten Weltkrieg Am 3. September 1945 beantragten David Frischmann
und Georg Schütte bei der
„Militärregierung Garmisch-Partenkirchen Det. 236“ unter dem Betreff
„Wiederaufbau der Sozialdemokratischen Partei Bayern“ die
Zulassung der politischen Tätigkeit
des SPD-Ortsvereins. Der Antrag lautete:
„Wir beabsichtigen in
Garmisch-Partenkirchen wie auch in allen anderen Gemeinden des
Kreisgebietes Ortsgruppen der SPD Bayern wiederaufleben zu lassen und
erbitten hierfür die Genehmigung der Militärregierung. Hierzu ist
notwendig, dass wir Freiheit zur Abhaltung politischer Versammlungen, für
die Werbung in Wort und Schrift oder Druck, das Anschlagen von
Werbeplakaten, das Drucken und die Verteilung von Aufnahmeformularen usw.
erhalten. Der Zeitpunkt der politischen Versammlungen und der Wortlaut
aller Veröffentlichungen wird selbstverständlich in jedem Einzelfall der
Militärregierung bekannt gegeben und zur Genehmigung vorgelegt werden.“
Die US-Militärregierung anerkennt die SPD als erste politische Partei in Garmisch-Partenkirchen und im Landkreis
Die Bemühungen, den nationalsozialistischen Ungeist aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen, führten auch in Garmisch-Partenkirchen zur Gründung eines Antifaschistischen Ausschusses. Im Gasthof Alpengruß trafen sich ab November 1945 Mitglieder der KPD, der SPD, der Christlich-Sozialen Union und der Liberalen. Der der KPD nahestehende Kunstmaler Rolf Cavael warnte bei der Gründungsversammlung vor der „Gefahr des geheimen Weiterlebens“ der ideologischen Grundsätze des Nationalsozialismus und schlug vor, auch die zu entnazifizieren, die sich der NSDAP nicht durch Mitgliedschaft verbunden hatten. Bürgermeister Georg Schütte, SPD, warnte dagegen vor einem „allzu stürmischen Tempo“ der Denazifizierung und mahnte, sich „nicht durch Leidenschaften beeinflussen zu lassen.“ Bei den Zusammenkünften des Antifaschistischen Ausschusses Garmisch-Partenkirchen war die SPD mit Peter Maier, Alois Bauer und Franz Heiß vertreten, die Christlich-Soziale Union mit Altbürgermeister Kaspar Ostler, Josef Hellweger und Josef Rottenwallner, die Liberalen mit Friedrich Cassardt, Hans Huber und Friedrich Hossfeld, die KPD mit Max Gmeinwieser, Josef Wunder und Max Ammann.Im Dezember 1945 nahmen mehr als 1000 Sozialdemokraten an einer
Vermutlich wurde Schütte von Seifried zur Landtagskandidatur ermuntert, sozusagen als Einstieg in die große Politik, mit der sich die Probleme der Zeit wie Flüchtlingsfragen, Wohnraumsorgen, Wiederherstellung und Sicherung von Arbeitsplätzen über die kommunale Ebene hinaus besser lösen ließen.
8. Stimmungsberichte für die Militärregierung
Bürgermeister und Landräte wurden schon kurz nach dem Beginn der
Besatzungsherrschaft dazu angehalten, Berichte zu schreiben über die
Situation in ihren Gemeinden und Landkreisen. Schütte legte dabei größten Wert auf eine ungeschminkte Darstellung der Realität nach dem Krieg: „Die allgemeine Lage in Garmisch-Partenkirchen ist gekennzeichnet durch die Auswirkungen der hinter uns liegenden umwälzenden Ereignisse… Die Tatsache, dass Garmisch-Partenkirchen von allen äußeren Zerstörungserscheinungen verschont geblieben ist, hat dazu geführt, dass ein ungeheurer Strom von
Flüchtlingen und Obdachlosen aus
zerstörten Gebieten sich hier zusammenballt. Dies führte zeitweise zu
ernsten Besorgnissen in Bezug auf die Versorgung der Gesamtbevölkerung mit
Lebensmitteln.“ Dann charakterisierte er die politische Situation:
„Das politische Leben läuft hier langsamer als anderswo an. Dies ist
zurückzuführen auf eine allgemeine politische Uninteressiertheit, die nach
der überstandenen Enttäuschung durch den Nationalsozialismus Platz
gegriffen hat. Die ansässige Bevölkerung ist im Grunde genommen
konservativ eingestellt und politisch uninteressiert. Bisher trat
lediglich die sozialdemokratische Partei in die Öffentlichkeit. Sie wurde
durch die Militärregierung als erste politische Partei zugelassen.“
Die Wohnraumfrage in Garmisch-Partenkirchen, so schrieb
er, sei völlig unbefriedigend: „Der
Stopppreis liegt aus dem Jahre 1936, als in Garmisch-Partenkirchen die
Winterolympiade stattfand, zugrunde, wodurch eine Preisüberforderung
vorausging… Der ortsübliche Preis für eine Wohnung, bestehend aus einer
Küche und zwei Zimmer, beträgt 70.- RM bis 130.- RM, also für einen
Arbeiter oder Angestellten unerschwinglich.“ Auch die
Verkehrsverhältnisse schilderte er:
„Es verkehren täglich zwei Züge nach
und einer von München.“ Das Verhältnis der Bevölkerung zur
Besatzungstruppe spielte eine wichtige Rolle:
„Die Erlasse und Gesetze der
Militärregierung, die wöchentlich der Bevölkerung durch ein
Nachrichtenblatt der Militärregierung und durch die Presse zugängig
gemacht werden, werden voll respektiert. Vorkommende Übergriffe werden in
der Hauptsache von nichtortsansässigen Elementen, vorwiegend Ausländern
und Flüchtlingen aus ganz Deutschland, verübt. Es handelt sich meistens um
Diebstähle von Bedarfsgut wie Kleider, Lebensmittel usw. Anlass zu ernsten
Besorgnissen geben vor allem die hierher geflüchteten weiblichen Personen,
die sich ohne Arbeit hier aufhalten und sich durch Prostitution ihren
Unterhalt verschaffen. Dies führt zu einem erheblichen Anwachsen der
Geschlechtskrankheiten.“ Der größte Prozentsatz unter den Flüchtlingen
wird von der Jugend gestellt, „die angeblich auf der Suche nach ihren Eltern und Angehörigen sind.“
Gerüchte werden verbreitet, die dem Bürgermeister Sorgen
machen - etwa das Gerücht von einem kommenden Krieg. Die Atombombe gab
Anlass zu abwegigstem Gerede. Die Mehrzahl dieser Gerüchte wurde durch
Personen ausgestreut, die dem Nationalsozialismus sehr
nahestanden.
9. Endlich wieder freie Presse - Lizenz Nr. 2 für den "Hochland-Boten"
Das
Garmisch-Partenkirchner
Tagblatt konnte das Anfang Mai 1945 von der US-Militärregierung für die
gesamte Besatzungszone verhängte Verbot aller deutschen Zeitungen um
knapp zwei Monate bis Ende Juni 1945 überstehen. Die Begründung des
ersten US-Militärgouverneurs in Garmisch-Partenkirchen Major Herbert L.
Snapp: „Weil die Zeitung so gut war“
und "weil man keine starken Verbindungen zum Nationalsozialismus
erkennen" konnte. Erst im Oktober 1945 folgte die Neugründung eines
lokalen Presseorgans unter dem Namen Hochland-Bote.
Den Redaktionsstab bildeten Anton Lutz als Herausgeber, Dr. Werner für
die Kulturredaktion und Hans Ebert für die Druckerei. Der Festakt fand
am 8. Oktober 1945 im Rathaus statt. Bürgermeister Schütte sagte zur
Eröffnung: „Hinter uns liegen sechs Jahre Krieg, Millionen beste
deutsche Jugend ist auf den Schlachtfeldern geblieben. Die gleiche Zahl
ist kriegsversehrt oder durch KZ-Haft an Leib und Seele ruiniert.“ Nach
dem Ende der Zeit, in der jede Regung von Meinungsfreiheit unterdrückt
gewesen sei, solle nun wieder das freie Wort zur Geltung kommen. Die
amerikanische Armee habe „dem
Herzenswunsch des größten Teiles des deutschen Volkes nach Freiheit auch
nach dieser Richtung Rechnung getragen, dass wir wieder eine freie
Presse erhalten.“
Im Rahmen der
Jahresschlussfeier der Oberschule für Jungen dankte Josef
Höllerer – 1943 von den Nazis aus dem Amt des
Schulleiters entfernt, 1945 wieder eingesetzt als Studiendirektor und
Schulleiter – dem US-Erziehungsoffizier Andersen dafür, dass die Anstalt
als eine der ersten Oberschulen Bayerns in Betrieb genommen werden
konnte. Er hielt Rückschau auf die Nazi-Zeit, die nun glücklich
überwunden sei und zitierte einige drastische Fälle, die den Kampf der
Schule gegen den HJ-Geist nachwiesen. Unterstützt worden sei er darin
von der Mehrzahl seiner ihm auch heute treu zur Seite stehenden
Lehrkräfte, deren Standhaftigkeit auch auf die Schülerschaft vorbildlich
gewirkt habe. „Umso schmerzlicher sind die Verluste, die der
unsinnige Krieg forderte: sind doch mehr als hundert Schüler und drei
Lehrer der Anstalt gefallen und auch einzelne vermisst.“ Bürgermeister
Schütte beleuchtete den Entwicklungsgang der Schule vom Realschulverein
1914 bis zur staatlichen Schule. Er sprach von einer „Ära
Höllerer, die viele brauchbare, charakterfeste Männer heranbildete und
dem zersetzenden Hitlergeist die Spitze bot.“ Am Ende des Jahres 1945 verband Schütte die Rückschau mit einem Neujahrsgruß: „Das in der Geschichte unseres Volkes schlimmste Jahr liegt hinter uns. Eine Ideologie, welche unter betrügerischer und verbrecherischer Ausnützung des Nationalgefühls eines Volkes aufgebaut wurde, ist zerstoben. Übriggeblieben sind Millionen enttäuschte, kranke Seelen. Fast in jeder Familie ist irgendein Leid. In diesem Jahr der Tränen hatte ich mich entschlossen, im Auftrage der Militärregierung das Amt des Bürgermeisters zu übernehmen. Ich glaubte, aus Liebe zu Garmisch-Partenkirchen und im Gedenken an unsere Gefallenen mich diesem Rufe nicht entziehen zu dürfen.“ |
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